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Aufführungen | Tanz

Season 5: Let’s Talk About Blossom & Decay

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

„Tanz ist die Mathematik der Bewegung zur Musik.“ (Robozee) Mit Blossom & Decay widmet sich Robozee einem der grundlegendsten und doch tiefgründigsten Zyklen des Lebens – dem stetigen Wechsel von Wachstum und Verfall. Blossom & Decay zeigt den fragilen Kampf zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Kontrolle und Hingabe. Es thematisiert die paradoxe Schönheit des Lebens, die sich im Angesicht von Zerstörung und Verfall immer wieder neu entfaltet, nur um erneut in den Abgrund zu stürzen. Robozee lässt in Blossom & Decay die pulsierenden Rhythmen des urbanen Tanzes auf das Spielzeitthema von TANZ_KASSEL stoßen, das japanische Konzept des Kaika (Ë“ü£). In einer Welt, die von Chaos, Zerstörung und sozialer Unruhe geprägt ist, wird der Moment der Blüte zu einem Symbol für die paradoxe Schönheit, die aus Dunkelheit und Vernichtung hervorgeht, um schließlich wieder in die Zerstörung zu führen. Der Sound von Randomhype, alias Christian Düchtel, in Blossom & Decay ist mehr als nur ein klanglicher Hintergrund: Er wird zum Nährboden, auf dem sich der Tanz entfaltet. Elektronische, urbane und pulsierende Klänge verstärken den Zyklus von Wachstum und Verfall und machen ihn erlebbar. Diese musikalische Basis beeinflusst den Tanz und wird gleichzeitig von ihm geprägt, ähnlich wie die Umwelt das individuelle und kollektive Leben beeinflusst. „Blossom & Decay lädt ein, die Vergänglichkeit des Lebens zu erkennen und zugleich den flüchtigen Moment von Schönheit und Aufblühen zu würdigen. Ich fordere das Publikum heraus, sich der Zerbrechlichkeit des Seins und der dualen Natur von Schönheit und Verfall bewusst zu werden. Dabei hinterfrage ich die Auswirkungen des Kapitalismus. Der Tanz wird so zu einer physischen Reflexion über das Werden und Vergehen im Kontext einer von kapitalistischen Interessen geprägten Welt.“ (Robozze) Christian Zacharas alias Robozee ist eine prägende Figur der Tanz- und Improvisationsszene. Er ist eine feste Größe in der deutschen Hip-Hop- und Popping-Szene und trägt maßgeblich zur Weiterentwicklung dieser Kunstform bei. Choreographie: Robozee Bühne und Kostüme: Nuphar Barkol Sounddesign: Randomhype Licht: Stefanie Dühr Video: Nuphar Barkol Dramaturgie: Lars Gunnar Anderstam, Thorsten Teubl
Aufführungen | Schauspiel

Motor

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Premiere: 6.11.2026 als Antwort auf Bertolt Brechts Maßnahme und Heiner Müllers Mauser von der Frankfurter Hauptschule Wie inszeniert man heute ein Lehrstück? Das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule, bekannt geworden mit der Aktion Bad Beuys go Africa sowie mit dem Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, antwortet in gewohnt humorvoller Hybris mit seinem neuen Stück MOTOR: Indem man sich in eine Reihe mit Bertolt Brecht und Heiner Müller stellt. Brechts Maßnahme wurde 1930 uraufgeführt, 45 Jahre später folgte die Premiere von Müllers Replik Mauser. Beide Stoffe problematisieren innerlinke Gewalt – einmal vor der Revolution, einmal danach. In einem ähnlichen zeitlichen Abstand reagiert nun das Kollektiv auf beide Lehrstücke und fragt: Was hat das heute mit uns zu tun? Nicht nur die Lehrstücke von Brecht und Müller sind als Tragödien angelegt, auch die Entwicklung der Linken vollzieht sich im Lauf der Zeit von Weimar über das geteilte Deutschland bis heute tragisch, sowohl im fußgängerischen Sinne des Wortes – fatal, als auch im gattungsspezifischen – unschuldig schuldig werdend. Damit wären wir beim Lehrstück der demokratisch-antifaschistischen Zivilgesellschaft heute. Sind wir mitschuldig am Rechtsruck? Was haben wir dagegen getan, dass AfDler:innen seit fünfzehn Jahren durch andere Parteien, Unternehmen und Talkshows als relevante Gesprächspartner:innen geadelt und mit unser aller Steuergeldern hochgepäppelt werden? Die Frankfurter Hauptschule verwischt die künstlerischen Disziplinen abermals und bringt ihr zweites Stück nun selbst zur Uraufführung. Sie unternimmt den Versuch, mit dem von Brecht und Müller entwickelten Instrumentarium zu erklären, wo wir heute stehen. Ein Ordnungsversuch, der auf verschiedenen Wegen die heillose Unordnung, in der wir leben, erfahrbar werden lässt: Postmoderne, eine große Erzählung? Kommunismus, das Schlimmste, was es nicht gibt? Beschleunigung, Wissensgesellschaft, Fake News, Gegenwartskunst, Dschungelcamp, Klimaknall, Selfiesucht, Humans of Late Fascism, Ende? Regie: Frankfurter Hauptschule Bühne und Kostüme: Frankfurter Hauptschule Sounddesign (bis Premiere): Frankfurter Hauptschule Licht: Sönke Baller Video: Frankfurter Hauptschule Dramaturgie: Sara Dec
Aufführungen | Schauspiel

Trutz

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Maykl Trutz kann nicht vergessen. Er kann das Schicksal seiner Eltern, die vor den Nazis voller Hoffnung in die Sowjetunion flüchten und dort – wie der befreundete russische Linguist Gejm und seine Familie – dem stalinistischen System zum Opfer fallen, nicht vergessen. Als 18-Jähriger kehrt Maykl nach Deutschland zurück, in die DDR. Doch die Erinnerung an das Gewesene lässt ihn nicht in die Jugendorganisation FDJ eintreten und nach der Wende einen Prozess gegen einen Stasimann anstreben, den er verliert. So wie Maykl nicht vergessen kann, will Christoph Hein nicht vergessen und schreibt mit Trutz ein großes Erinnerungsbuch über die grausamen Verflechtungen und die wechselvolle Leidgeschichte, die im vergangenen Jahrhundert gerade Deutschland und Russland bzw. die Sowjetunion prägten. Ein Jahrhunderttext in mehrfacher Bedeutung: ein Jahrhundert umgreifend, ein Jahrhundert verstehbar machend und ein schmerzhafter, aber hellsichtiger Rückblick: Weil Geschichte nicht einfach vorbei ist; weil das, was war, uns und unser Handeln heute beeinflusst; weil mit der Geschichte heutige Politik legitimiert wird. Der tschechische Theaterregisseur Dušan David Pařízek seziert gekonnt und humorvoll große politische und historische Erzählungen – nicht als Archiv, sondern als offene Wunde der Gegenwart. In seiner Inszenierung Trutz zeigt er, was passiert, wenn historisches Unrecht nicht aufgearbeitet wird: Es kehrt zurück – in autoritären Reflexen, repressiven Systemen und simplen Antworten auf die komplexen Fragen unserer Zeit. Regie: Dušan David Pařízek Bühne: Dušan David Pařízek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Oskar Bosman Dramaturgie Wiederaufnahme: Laura Ellersdorfer Dramaturgie: Johannes Kirsten
Aufführungen | Schauspiel

Milch & Schuld

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Wir müssen über Mutterschaft und unbezahlte Care Arbeit von Frauen reden! Wie sieht die Arbeit des Körpers vor, während und nach der Geburt aus? Abgesehen von den biologischen Veränderungen und Rentenlücken, die entstehen, ist eine Schwangerschaft eine der größten Herausforderungen und auch Wunder, die der weibliche Körper leistet. Ist diese Art von Arbeit eigentlich monetär zu bezahlen? In der Uraufführung Milch & Schuld der Autorin Sina Ahlers, einem Auftragswerk des Schauspiels, geht es um Leihmutterschaft, eines der Tabuthemen unserer Gesellschaft. Zartie hat wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Sie stellt einem Paar, das biologisch keine Kinder bekommen kann, ihren Körper, ihren Geist und ihre Hormone zur Verfügung, um ein Kind für sie auszutragen. Und sie soll dafür bezahlt werden. Während der Pränataldiagnostik wird jedoch eine Entdeckung gemacht, die der „Kundin“ nicht zusagen wird, und die Zahlungs- bzw. Vertragspflicht aushebelt. Doch wer ist diese „Kundin“ überhaupt, die sich so sehnlich ein Kind wünscht? Auch sie fühlt sich ungenügend, fehlerhaft. Wie entscheidet sich Zartie, soll sie das Kind behalten? Ohne Mittel, allein, ohne Unterstützung? Wie gehen wir damit um, wenn ein Kind nicht der „Norm“ entspricht, als ungenügend betrachtet wird, wie eine Taube mit einem Bein? Sie kann stehen, fliegen, alles, aber mit eben „nur“ einem Bein. Sina Ahlers hinterfragt in ihrem Stück Existentielles. Gibt es sie, die „natürliche“, bedingungslose Mutterliebe, die Arbeit des weiblichen Körpers, den „Mutterinstinkt“ und wo stehen wir tatsächlich, wenn es um konservative Rollenbilder geht? Wo ist, sie, die vermeintlich „moralisch“ richtige Seite? Und welche Rolle spielt in dem Ganzen diese merkwürdige Bahnhofstaube? Regisseurin Sarah Franke hat mit den Troerinnen: 2nd Season bereits bewiesen, dass sie sich den großen feministischen Themen mit einer körperlich, sprachlichen und bildlichen Kraft hingibt. Sie schaut auf alle (Nicht-)Mütter, auf alle Normen, Tabus, Kämpfe und die Schönheit dazwischen. All das findet sie in Ahlers Text. Regie: Sarah Franke Choreographie: Gili Goverman Bühne und Kostüme: Ann-Christine Müller Musik: Sven Michelson Licht: Stefanie Dühr Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke Altersempfehlung ab 16 Jahren
Aufführungen | Schauspiel

KuHL FM – das Theaterradio

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Wir holen den Sender auf die Bühne und lassen das Theater in die Welt funken. Improvisierte Formate treffen auf fiktive Sendungen, reale Gäste auf performative Situationen. Niederschwellig und aktuell werden Stimmen hörbar gemacht, Hintergründe geteilt und Material gezeigt. In wechselnder Besetzung mit dem gesamten Ensemble und dem Team des Schauspiels. 3. Okt 2026, 21:15 Uhr - Schauspielfoyer KuHL FM präsentiert: Über Freiheit in politischen Systemen gestern, heute und morgen Im Anschluss an die Premiere von Trutz Eintritt frei Was wird über unsere Zeit in Archiven abgebildet sein? In Trutz durchlebt Maykl verschiedene politische Systeme, verschiedene Formen von Freiheit und Unfreiheit. Seine Geschichte wird zu einem Nachdenken über historisches Unrecht, was in Archiven aufgezeichnet und trotzdem nicht aufgearbeitet wird. In unserer ersten Folge von KuHL FM möchten wir von dort aus weiter gehen. In künstlerischer Aufarbeitung werfen wir einen Blick in die Archive und machen Dokumente der Unfreiheit und Unterdrückung hörbar. Wir möchten mit Menschen aus Kassel über den Wert der Freiheit sprechen, den wir so oft vergessen, weil er uns so selbstverständlich geworden ist. Über die Hoffnung, dass es einmal anders sein möge, als das alte Zwänge durch neue, vielleicht angenehmere abgelöst werden. Und darüber, wer Geschichte macht? Von dort aus möchten wir unseren Blick weiten, in die Zukunft in Deutschland und darüber hinaus. Wir sprechen mit Lily Sykes, der zukünftigen Schauspieldirektorin von Magdeburg darüber, wie sie sich auf ihr Amt in Sachsen-Anhalt vorbereitet, einem Bundesland, in dem eine gesichert rechtsextreme Partei die meisten Stimmen in der Landtagswahl bekommen hat und schon im Wahlkampf massive Einschnitte in der Kultur angekündigt hat. Wir sprechen außerdem mit Dušan David Pařízek, dem Regisseur von Trutz, der Einschränkungen der Kunstfreiheit gerade extrem zu spüren bekommt. WEITERE VERANSTALTUNGEN VON KuHL FM 18. Okt 2026, 18:00 Uhr – TiF – Theater im Fridericianum KuHL FM präsentiert: FILM: Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden 22. Okt 2026, 20:15 Uhr – TiF-Foyer KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation Folge 2: Trauer 12. Nov 2026, 20:15 Uhr – TiF-Foyer KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation Folge 3: Angst 20. Nov 2026 KuHL FM präsentiert: Dickes D 10. Dez 20026 KuHL FM präsentiert: Institut für angewandte Resignation, Folge 4: Einsamkeit 18. Dez 2026 KuHL FM präsentiert: Wunschkonzert 31. Dez 2026 KuHL FM präsentiert: Die Silvesterparty nach Last Day – die etwas andere Silvestershow im Schauspielhaus
Aufführungen | Schauspiel

Faust Gretchen

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Eine theatrale Videoinstallation von Bert Zander - gemeinsam mit Kasseler Bürger:innen „Meine Ruh ist hin“ – einer der Sätze, die bleiben, wenn man sich den Zitatenschatz aus Goethes Faust vergegenwärtigt. Ein Zitat, das das Dilemma Margaretes, genannt Gretchen, widerspiegelt. Der wohlsituierte Gelehrte Dr. Heinrich Faust hingegen ist in der Sinnkrise, verjüngt durch den Bund mit Mephisto drängt es ihn immer weiter zu weltbewegenden Abenteuern und ganz nebenbei zieht ihn das „Ewig Weibliche“ an. Heinrich ist hin- und hergerissen und sucht den Lärm der Welt. Und Gretchen? Goethe hat den realen Fall der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt (1771) in Frankfurt verfolgt, parallel entstand sein Urfaust, der die althergebrachte Faust-Geschichte nunmehr um die Gretchentragödie ergänzt. Angesiedelt zwischen sozialer Situation und tragischer Liebesgeschichte erzählt sie das reale, fatale und ausweglose Schicksal einer jungen Frau jener Zeit. Nicht nur Faust und sein Begehren, sondern die gewaltigen Umstände der Zeit bringen Gretchen zu Fall. Frauen wie Gretchen waren meist unausgebildet, unwissend, abhängig und bedroht von Armut und Elend. Welche Spuren hinterlässt Fausts Vorwärtsdrängen im Leben Gretchens, die in bürgerlichen, aber doch ärmlichen Verhältnissen lebt? Welche Chance hatte sie im Leben und wäre ein sozialer Aufstieg überhaupt möglich gewesen? Eine junge Frau zwischen Begehren, Selbstbehauptung und sozialem Zwang auf der einen Seite und Bürger:innen auf der anderen Seite, die Gretchens Geschichte zu kennen glauben und sie aus ihrer Perspektive nacherzählen. Für Ihre Rolle als Gretchen war Emilia Reichenbach 2022 für den Gustav Rühle Preis nominiert. „Es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen Gretchen 2021 ihre Würde zurückzugeben“, so Bert Zander, Regisseur und Videokünstler. Seine bisherigen Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Videokunst und Theater waren u. a. an der Volksbühne Berlin, am Thalia Theater Hamburg und am Burgtheater Wien zu sehen. 2020 realisierte er für 3sat / ZDF Camus’ Die Pest als theatrale Miniserie. Eine Kooperation mit der Fördergesellschaft Staatstheater Kassel e. V. Regie: Bert Zander Bühne & Kostüme: Lene Schwind Schnitt: Fabián Barba Hallal Dramaturgie: Katja Prussas Mitarbeit Regie: Natascha Zander Regieassistenz: Lina Gasenzer Theaterpädagogische Vermittlung: Sabine Koller, Elisabeth Müller
Aufführungen | Tanz

Unfinished Requiem_in the Gut of Humanity

Staatstheater Kassel - INTERIM

Premiere: 14.11.2026 Nach dem Sensationserfolg Let’s Talk About Trance - Transmuted Symphony kehrt Andrea Peña zurück zu TANZ_KASSEL mit einem neuen Tanzabend im INTERIM des Staatstheaters Kassel In einer Zeit, die von Unsicherheit und sich wandelnden gesellschaftlichen Realitäten geprägt ist, zeigt sich der Körper zugleich als Ort der Verwundbarkeit und der Handlungsmacht. Was früher als Bild stiller Fürsorge galt – der gehaltene, verletzte Körper – wird hier zum Ausgangspunkt von Bewegung: der Moment, in dem der Körper Starre ablehnt, Spannungen sichtbar werden und sich in Kraft, Dringlichkeit und Präsenz äußern. Der Tanzabend untersucht, was passiert, wenn der Körper aufhört, nur Objekt der Geschichte zu sein, und beginnt, sich zu emanzipieren – widersprüchlich, unkontrollierbar und lebendig. Ausgangspunkt ist die Pietà: das ikonische Bild eines Körpers, der von einem anderen gehalten wird, und das sowohl Fürsorge als auch menschliche Verletzlichkeit zeigt. Ein Körper, der in Stille gehalten wird, wird so zum Träger von Spannung. Unter dieser Stille liegt jedoch eine physische Realität: das Gewicht des Körpers, die Arbeit des Haltens, das ständige Aushandeln zwischen Unterstützung und Zusammenbruch. In der Gegenwart erhält dieses Bild eine neue Dringlichkeit. Die Pietà erscheint hier nicht länger als statische Ikone, sondern als dynamisches System. Das Bild trifft auf die Realität: die klare Grenze zwischen einem sicheren Innen und einem gefährlichen Außen ist aufgehoben. Was einst Stabilität versprach, kann brüchig werden; was Sicherheit bedeutete, kann zur Bedrohung werden. Dem steht die Emanzipation des Körpers gegenüber: Spannung lässt sich nicht länger kontrollieren, Widerstand und Begehren treten hervor. Wenn der Körper sich bewegt – unkontrolliert, widersprüchlich, lebendig –, zeigt sich, dass die bestehende Ordnung ihre Gültigkeit verliert. Die Komposition der Körper entwickelt sich zu einer flexiblen Struktur, in der Gleichgewicht, Druck und Abhängigkeit ständig neu austariert werden. Der Körper ist nicht länger nur Objekt der Betrachtung, sondern aktiver Teil der Bewegung. Spannung wird nicht gelöst, sondern verteilt. Ordnung weicht Rhythmus, Wiederholung und Übermaß – eine Choreografie, in der sich Körper zwischen Koordination und Bruch, zwischen Stütze und Auflösung bewegen. Andrea Peña betrachtet die Pietà nicht als Symbol, das es zu bewahren gilt, sondern als Bild, das sich erweitern lässt. Die Arbeit untersucht, was passiert, wenn diese vertraute Struktur zu einem kollektiven Organismus wird: ein Feld von Körpern, in dem Gewicht, Fürsorge, Reibung und Widerstand ausgehandelt werden. Andrea Peña ist international gefeierte Tänzerin und Choreografin, deren Arbeiten Körper, Raum und Emotion zu klaren choreografischen Bildern verbinden. Mit einem Gespür dafür, Verletzlichkeit und Stärke zugleich sichtbar zu machen, behandelt sie gesellschaftliche, politische und persönliche Themen – immer mit Rhythmus, Energie und visueller Präzision. Queerness und Identität spielen eine zentrale Rolle in ihrer Arbeit, sowohl in performativen Experimenten als auch in immersiven Choreografien. Für TANZ_KASSEL entwickelte Andrea Peña das Stück Let’s Stalk About Trance, das Grenzen zwischen Trance, Intimität und kollektiver Erfahrung auslotet. Dort verbinden sich Präzision, politische Reflexion und sinnliche Kraft zu einer Performance, die das Publikum unmittelbar in das Spannungsfeld von Macht, Begehren und Widerstand zieht. Andrea Peña gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen Tanzes – eine Künstlerin, deren Arbeiten sowohl den Verstand als auch die Sinne ansprechen. „Mich interessiert der Moment, in dem der Körper aufhört, ein Symbol zu sein, und in seiner ganzen Komplexität erscheint – geprägt von Spannung, Widerstandskraft, Anstrengung und Fragilität. In Unfinished Requiem_In the Gut of Humanity wird der Körper nicht dargestellt, sondern verhandelt: ein Ort, an dem Verletzlichkeit und Handlungsmacht zugleich existieren. Es ist ein Körper, der sich einfachen Zuschreibungen entzieht und seine Widersprüchlichkeit als Teil des Menschseins begreift. Geprägt von meiner Herkunft verstehe ich den Körper als etwas, das sich ständig wandelt – im Austausch zwischen Materie, Erinnerung und Landschaft. In der Arbeit entfaltet sich die Pietà zu einer kollektiven Architektur von Körpern: ein bewegliches Gefüge, in dem Gewicht, Fürsorge, Druck und Widerstand fortlaufend neu ausgehandelt werden und in dem das Halten selbst zu einer aktiven Kraft wird.“ - Andrea Peña Musikalische Leitung: Giulia Glennon Choreographie: Andrea Peña Bühne: Milla Clarke Dramaturgie: Lars Gunnar Anderstam, Thorsten Teubl
Aufführungen | Schauspiel

Raststätte Jammertal

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

„Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.“ Das schreibt der berühmte Dichter Heinrich Heine in seinem Versepos Deutschland. Ein Wintermärchen, als er 1843 in sein geliebtes, sein gehasstes Deutschland reist, um seine Mutter zu besuchen. Schon seit zwölf Jahren lebt er im französischen Exil und hat Sehnsucht nach der Heimat: Heine, der Jude, der Christ, der Deutsche, der Franzose, der Romantiker, der Erotiker, der ironische Überwinder der Romantik – und der politische Schriftsteller. Der Freund von Marx und Engels erhofft sich eine emanzipatorische Revolution für Deutschland und kann doch nicht die Augen verschließen vor allem, was dem im Wege steht und was er kunstvoll-spöttisch in seiner Dichtung besingt: den deutschen Korpsgeist, die Spießigkeit, die Schwermütigkeit, die Ordnungsliebe und die gar nicht so liebe Ordnung, die durch Gewalt und Zensur in seinem Geburtsland herrscht. Und heute? Wo stehen wir in Bezug auf Heines Deutschlandkritik und seinem Ruf nach Veränderung angesichts der globalen Polykrisen, des allgemeinen Vertrauensverlustes in die Demokratie, der Rückkehr des Konservatismus, Autoritarismus, Chauvinismus, Populismus, Nationalismus, des universalen „Me First“, „Nation First“? Was ist aus Heines neuem Lied geworden? Singen wir wieder das alte? Autor und Regisseur Alexander Eisenach lässt sich in dieser Stückentwicklung von Heines lyrischem Werk inspirieren, um nach Zonenrandgebiet (UA) und Anthropos Antigone (UA) seine poetisch-politische Erforschung deutscher Geschichte in Kassel fortzuschreiben und die Frage nach unserem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis, unseren Zukunftsängsten und reaktionären Sehnsüchten – der GERMAN ANGST – zu stellen. Und doch, trotz alledem: „Gib dich zufrieden, Vater Rhein, Denk nicht an schlechte Lieder, Ein besseres Lied vernimmst du bald – Leb wohl, wir sehen uns wieder.“ In Kooperation mit dem In­sti­tut für Germanistik der Universität Kassel und dem Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben. Regie: Alexander Eisenach Bühne: Sibylle Pfeiffer, Carsten Rüger Lichtdesign: Carsten Rüger Kostüme: Bettina Werner Sounddesign: Sven Michelson Video: Oliver Rossol Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke Animation: Sarah Franke Dramaturgie: Alexander Olbrich Beleuchtungsmeister: Oskar Bosman Theaterpädagogik & theaterpädagogische Vermittlung: Sandra van Westen
Aufführungen | Schauspiel

End of beginnings, Ich fühls!

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Draußen vor dem Staatstheater rauscht der Rummel, während sich der Bühnenraum das Schauspielhauses in eine Geisterbahn verwandelt. Traut ihr euch hereinzukommen? Hereinspaziert! Hier begegnet ihr den Gespenstern eures Lebens und den Spukbildern der Gesellschaft. Was längst vergangen, überwunden oder vergessen schien, ist plötzlich wieder da: alte Versprechen, verlorene Hoffnungen, überholte Vorstellungen davon, wer wir sein und wie wir leben wollten. Welche Geister werden wir nicht los? Immer zur Geisterstunde geht Ghost FM auf Sendung. Eine gestrandete Truppe von Live-Erschreckern empfängt Stimmen, Lieder und Geschichten, die noch durch den Äther geistern, und schickt sie zurück auf Sendung. Thomas Mann spricht zu den deutschen Hörern, Elisabeth Selbert kämpft für die Gleichberechtigung. Doch Ghost FM öffnet seine Leitungen auch für die privaten Spukgeschichten: für Verluste und Ängste, für Erinnerungen, die nicht verschwinden wollen, und für Menschen, die fehlen und trotzdem anwesend bleiben. Geistergeschichten sind Störmeldungen. Sie brechen in unseren Alltag ein und zeigen an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie kommen aus der Vergangenheit, aber ihre Anliegen gehören der Gegenwart – und vielleicht der Zukunft. Denn was von der Vergangenheit lebt in uns weiter? Und welche Zukunft wird dadurch möglich? „End of beginnings, Ich fühl’s!“ ist eine performative Radioreise zwischen Geisterbahn und Live-Sendung, historischen Stimmen und persönlichen Geschichten, Musik und Theater – über das Gespenstische unserer Gegenwart, unsere Ängste und die Möglichkeit zu handeln. Regie: Sarah Franke Choreographie: Gili Goverman Bühne: Ann-Christine Müller Kostüme: Bettina Werner Sounddesign (bis Premiere): Rahel Hutter, Ariel Victor Schlichter Licht: Oskar Bosman Dramaturgie: Laura Ellersdorfer
Aufführungen | Musiktheater

Der fliegende Holländer

Staatstheater Kassel - INTERIM

In den Weiten des INTERIM schlägt das dunkle Herz der deutschen Romantik. Haltlos irrt der Holländer auf dem Ozean des Weltmarkts umher und häuft abstrakte Reichtümer an. Der schrankenlose Zwang zur Geldvermehrung erscheint ihm als Fluch, der ihn zu ewiger Rastlosigkeit verdammt. Einzig das kompensatorische Gegenmodell ewiger Treue verspricht dem Holländer Erlösung von der Konkurrenz und so findet er seine letzte Hoffnung im bürgerlichen Ideal der Liebe. Der Geschäftsmann Daland macht ihm seine Tochter Senta schmackhaft, die ebenfalls von der bedingungslosen Liebe träumt und auf der verzweifelten Suche nach einer höheren Aufgabe im Leben ist. Deal ist Deal im Zeitalter der Tech-Milliardäre und so ist der Handel schnell geschlossen, auch wenn Senta sich eigentlich gerade nicht hinters Spinnrad spannen lassen möchte. Und dann ist da auch noch Erik, der Senta ebenso für sich beansprucht. Zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen erweist sich das Idealbild von Senta bald als leere Abstraktion … So manches Weltbild gerät ins Wanken, wenn Wagners gewaltige Klangstürme unter der musikalischen Leitung unseres neuen 1. Kapellmeisters und stellvertetenden GMDs Clemens Fieguth durchs INTERIM wehen. Im Auge des Sturms steht Wagners Lebensthema: die Aufopferung des Subjekts für die größere Idee. Für Der fliegende Holländer verwandeln die Regisseur:innen Marlene Pawlak und Florian Lutz das INTERIM in einen kleinstädtischen Mikrokosmos, in dem die Drangsale der gesellschaftlichen Verhältnisse zu Tage treten. Musikalische Leitung: Clemens Fieguth Regie: Florian Lutz Regie: Marlene Pawlak Bühne: Sebastian Hannak Kostüme: Mechthild Feuerstein Mitarbeit Bühne: Maximilian Schwidlinski Licht: Jürgen Kolb Video: Konrad Kästner Dramaturgie: Teresa Martin Chorleitung: Marco Zeiser Celesti Cam-Operator: Victoria Koberstein
Aufführungen | Theater

BAC-Theater Bad Arolsen

Bad Arolsen

Produktionen des Ensembles sowie Gastspiele, Konzerte, Kabarett, Lesungen und Kinoabende
Aufführungen | Schauspiel

Zur schönen Aussicht

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

"Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu." Die Lage ist schlecht. Nicht nur das Wetter, auch die Finanzen. Eine schöne Aussicht hatte hier schon lange niemand mehr. Der Hotelbesitzer Strasser und seine Mitarbeiter wären bereit für Gäste, doch es kommt niemand. Einzig die Baronin Ada von Stetten finanziert das Hotel mit ihrer Dauermiete – sie bezahlt die Männer für alles, was sie ihr so bieten. Alle wissen: Das geht nicht mehr lange gut, das Hotel steht kurz vor dem Bankrott. Da steht auf einmal Christine vor der Tür! Im letzten Jahr hatte sie eine Affäre mit Strasser und da all ihre Briefe unbeantwortet blieben, möchte sie nun direkt vor Ort mit dem Vater ihres Kindes sprechen. Ohne sie auch nur zu Wort kommen zu lassen, vermuten Strasser und die Männer um ihn herum das Schlechteste. Sie denken, Christine möchte sich festsetzen, das Hotel an sich reißen, eine Heirat erzwingen. Deshalb schmieden sie einen gehässigen Plan, mit dem Strasser sich aus der Verantwortung ziehen und Christine loswerden kann. Aber Christine hatte ganz andere Pläne. Geld jedenfalls braucht sie nicht. Da ist nun einerseits die marode, dem Untergang geweihte Gesellschaft im Hotel, die von vergangenen Zeiten träumt. Andererseits Christine, die keine Angst vor der Zukunft hat und die richtigen Fragen stellt. Sie scheint aus ihrer Zeit zu fallen, man könnte meinen, sie hätte mit bell hooks über Liebe gesprochen, mit Chimamanda Ngozi Adichie über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, mit Virginies Despentes über all die Forderungen, die noch gestellt werden müssten und mit Emilia Roig über neue Beziehungsmodelle. Vor knapp 100 Jahren scheiterte die Uraufführung von Zur schönen Aussicht leider an Geldmangel und konnte erst 40 Jahre später nachgeholt werden. Nun wagt die Regisseurin und Schauspielerin Katharina Marie Schubert einen Versuch, die Zeiten, die Aussichten und die Werte, die unser Leben heute bestimmen, neu zu beleuchten. Und vielleicht ergibt sich ja ein Moment von Kontakt, von Utopie und von Zukunft. Regie: Katharina Marie Schubert Bühne: Sibylle Pfeiffer Kostüme: Celine Walentowski Musik: Marcel Blatti Licht: Stefanie Franke Dramaturgie: Laura Kohlmaier
Aufführungen | Musical

Spring Awakening

Staatstheater Kassel - INTERIM

Premiere: 23.10.2026 Erbarmunglose Fesseln von Leistung und Moral prallen auf jugendliche Wut: Der mitreißende Musical-Hit Spring Awakening gibt den Teenagern aus Frank Wedekinds skandalträchtigem Klassiker eine lautstarke Stimme. Die junge Wendla darf nicht erfahren, wo Babys herkommen, und Moritz hat mit der Schule zu kämpfen, während sein Vater jeden Fehler brutal bestraft. Beide wenden sich Melchior zu, der mit allerhand Wissen über Liebe, Körper und Freiheitsdrang Eindruck macht. Als Moritz schließlich aus Lehrerwillkür sitzen bleibt und Wendla unwissend schwanger wird, zerbricht die Ordnung der strengen Elternwelt. Mit rebellischem Rocksound und berührender Ehrlichkeit erzählt die Jugend von Unterdrückung, Kampf um sexuelle Selbstbestimmung und die verheerenden Folgen elterlicher Ignoranz. Dieser gegenwärtige Blick auf alte bürgerliche Moral machte das preisgekrönte Musical von 2006 zu einem der weltweit meistgespielten Hits. Regisseurin Fabiola Kuonen und das JUST+ erarbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen des CANTAMUS ehrliche Perspektiven, Bedürfnisse und Tabus aus der heutigen Generation, um sie über verzerrten Gitarren herauszubrüllen. Unser 2. Kapellmeister Viktor Jugović entlockt dem Musical die nötige klangliche Wucht. Musikalische Leitung: Viktor Jugović Regie: Fabiola Kuonen Choreographie: Katja Wachter Bühne + Video: Karolina Wyderka Kostüme: Amelie Seeger Licht: Dominique Lorenz Dramaturgie: Felix Linsmeier, Carlotta Rogge CANTAMUS-Chorleitung: Annika Derlin Cam-Operator: Till Krüger
Aufführungen | Schauspiel

Der Mensch erscheint im Holozän

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Premiere: 31.10.2026 Che tempo! Che tempo! Seit Wochen regnet es sintflutartig. Das Tessiner Bergtal, in dem Herr Geiser seinen Ruhestand verbringt, ist durch einen Erdrutsch von der Zivilisation abgeschnitten. Der Strom ist ausgefallen, die Kochplatte bleibt kalt und jeder Kontakt zur Außenwelt ist unterbrochen. Ist die Natur außer Kontrolle? Was, wenn der Berg sich löst und Haus, Dorf und Tal für immer unter sich begräbt? Doch Herr Geiser lässt sich vom drohenden Untergang nicht unterkriegen. Mit Wissen und Ordnung kämpft der Schweizer Rentner gegen das Verschwinden an. Akribisch sammelt, ordnet und notiert er Fragmente menschlichen Wissens aus Lexika, Geschichtsbüchern und der Bibel. Bald jedoch stellen sich Zweifel ein: Welches Wissen ist es wert, gerettet zu werden? Und lässt sich die eigene Identität bewahren, indem man sie archiviert? Zuletzt fasst Herr Geiser einen kühnen Entschluss: Er packt seinen Rucksack und wagt die Flucht über die Berge, doch der Pfad verliert sich bald im weißen Dunst. Was jetzt? Ist es Nebel – oder beginnt das Vergessen bereits hier? In unserer Gegenwart, in der die Auswirkungen des Klimawandels immer spürbarer werden, erscheint Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän aus dem Jahr 1979 von beklemmender Hellsichtigkeit. Was macht es mit uns, mit unserem Selbstbild und unserer Identität, wenn vertraute Orte verschwinden? Wenn ganze Landschaften zerstört und unbewohnbar werden? Wenn Sicherheiten ins Rutschen geraten und Erinnerungen ihren Halt verlieren? Die tschechische Regisseurin und Kostümbildnerin Kamila Polívková spürt der fragilen Verflechtung von Mensch, Identität und Umwelt mit ihrer präzisen Bildsprache nach und inszeniert Max Frischs letzte Erzählung als poetisch-musikalisches Theatergewitter auf der großen Bühne. Regie: Kamila Polívková Bühne + Video: Antonín Šilar Kostüme: Musik, Komposition und Sounddesign: Lyhre Licht: Brigitta Hüttmann Dramaturgie: Laura Ellersdorfer
Aufführungen | Musiktheater

Elias

Staatstheater Kassel - INTERIM

Premiere: 5.12.2026 Die Welt steht hier und jetzt am Scheideweg. Damit öffnet der Prophet Elias den Vorhang für Felix Mendelssohn Bartholdys packendes Oratorium. Basierend auf Texten des Alten Testaments entspinnt sich ein Schlagabtausch zwischen alten und neue Göttern. Die angekündigte Dürre setzt das ungläubige Volk unter Druck – und Elias weiß die Situation geschickt auszuspielen. In einer spektakulären Machtdemonstration lässt er Feuer regnen und zieht so die Umstehenden auf seine Seite. Erschreckend aktuell ist dieses Szenario: eine Gesellschaft am Rande ihres Zusammenbruchs, leicht manipulierbar und gewillt, den lautesten Versprechen Glauben zu schenken. Mendelssohns Elias bewegt sich an der Gattungsgrenze zwischen Oratorium und Oper und treibt das große Solist:innen-Ensemble und den Opernchor in hochdramatische, exzessive Dialoge. Plastisch setzt Mendelssohn die Natur in Szene, wenn das Feuer Funken wirft, endlich Regen fällt oder die Erde bebt. Kontrastreich stehen daneben die Menschen, die zwischen Macht und Scheitern auf ihre Hybris zurückgeworfen werden. Wer wird zum Täter und wer zum Opfer? Wer formt die Narrative unserer Gesellschaft? Generalmusikdirektor Ainārs Rubiķis und der preisgekrönte Regisseur Timofey Kulyabin zeichneten bereits am Opernhaus in Nowosibirsk zusammen für eine skandalträchtige Tannhäuser-Inszenierung verantwortlich, die den russisch-orthodoxen Erzbischof von Nowosibirsk damals so sehr verärgerte, dass dieser Rubiķis und Kulyabin anzeigte. Es folgten Straßenproteste und Petitionen zur Kunstfreiheit und eine künstlerische Freundschaft, die mit Elias bildmächtig am Staatstheater Kassel fortgesetzt wird. Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis Regie: Timofei Kuljabin Bühne: Oleg Golovko Kostüme: Vlada Pomirkovanaja Licht: Oskars Pauliņš Dramaturgie: Teresa Martin, Ilya Kukharenko Chorleitung: Marco Zeiser Celesti Leitung Extrachor: Anne-Louise Bourion CANTAMUS-Chorleitung: Annika Derlin
Aufführungen | Oper

Die Fledermaus

Staatstheater Kassel - INTERIM

Der Champagner ist an allem schuld: Bevor der arrogante Eisenstein seine verordnete Haftstrafe antritt, lässt er es sich noch auf einem Fest des Prinzen Orlofsky gut gehen. Währenddessen empfängt seine Gattin Rosalinde zuhause ihren Liebhaber Alfred, bis der unglücklicherweise statt Eisenstein ins Gefängnis abgeführt wird. In der wohl berühmtesten Operette schwingt sich das dekadente Wiener Leben auf zum doppel- bödigen Tanz mit sektgetränkten Verwechslungsspielen, maskierten Seitensprüngen und bürgerlicher Scheinheiligkeit. Regisseur Philipp Moschitz reiht dieses Spektakel ein in die beliebte Tradition der rauschenden Theaterbälle in Kassel und lässt das Publikum selbst Zeuge und Komplize der „Rache der Fledermaus“ sein: Mittendrin statt nur dabei wird ausgelassen gegessen, sich betrunken und das eine Bein im Walzertakt geschwungen, während das andere schon im Gefängnis steht. Temporeich und voller feinem Humor kommen alle zum Zug, vom gelangweilten Kammermädchen bis zum beschwipsten Gerichtsdiener. Glücklich ist, wer vergisst, in welcher allzu vertrauten Dissonanz all die Leichtigkeit mit dem Wiener Zeitgeist steckt: beschämende Niederlage gegen die Preußen im Nacken, brodelnde Balkankrise und ein Börsencrash, der den hedonistischen Spekulanten ihre Feierlaune verdirbt. Angeheizt durch die wirbelnden Ohrwürmer des Walzerkönigs Johann Strauss verheddert sich die Ballgesellschaft im süßen Strudel ungeahnter Konsequenzen. Unter der musikalischen Leitung von Kiril Stankow entspinnt sich ein kulinarisches Feuerwerk musikalischer Verlockungen, die das sinnlich-sündige Vergnügen komplettieren. Musikalische Leitung: Viktor Jugović Regie: Philipp Moschitz Bühne und Video: Ayşe Gülsüm Özel Kostüme: Claudio Pohle Choreographie: Sven Niemeyer Licht: Holger Tschersich Dramaturgie: Felix Linsmeier Chorleitung: Marco Zeiser Celesti
Aufführungen | Musiktheater

Staatszirkus

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Premiere: 17.10.2026 Gerade hatten die 68er die junge Bundesrepublik auf links gedreht. Freie Liebe, lange Haare und bunte Drogen eroberten das Stadtbild und Avantgardekunst und Arbeiterklasse schienen sich so nah wie nie. Komponist:innen der neuen Musik der Siebziger versuchten sich statt an experimentellen Klängen plötzlich an Agitprop, nach der Tonalität musste endlich auch die Welt umgestürzt werden. So tourte auch der heutige Altmeister Nicolaus A. Huber mit einer wilden Theatergruppe für die Deutsche Kommunistische Partei durch die Irrungen und Wirrungen der westlichen Demokratie: der Bus voller Arbeiterlieder, grotesken Texten und allerhand Zirkus bis zur Weltrevolution! Ein halbes Jahrhundert später bleiben von aller kämpferischen Propaganda nur eine vergriffene Schallplatte und lose Manuskripte in den Kammern staatlicher Archive. In seiner Stückentwicklung im TiF – Theater im Fridericianum debütiert Regisseur Moritz Warnecke am Staatstheater Kassel und leuchtet die versteinerten Reliquien im Fundus nie gewesener Aufstände aus. Musikalische Leitung: Felix Barsky Regie: Moritz Warnecke Ausstattung: Katharina Oleksinska Licht: Stefanie Franke Dramaturgie: Felix Linsmeier
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Schamparadies

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

In einem Mietshaus am Kanal, außerhalb der Stadt, wohnen Mutter und Tochter. Die Mieten steigen und auch auf alle weiteren Krisen in ihrem Leben reagiert die Mutter handlungsunfähig und lethargisch. Da helfen auch die Vorwürfe und Bemühungen ihrer Tochter Vera nicht. Getrieben von (vererbten) traumatischen Erinnerungen überquert Vera den Kanal. Auf der gegenüberliegenden Flussseite ist die Welt eine andere. Es riecht nach Körpern, es wuchert, es ist … Abseits. Hier sorgen zwei Furien, Tine und Mascha, dafür, dass die Scham einen festen Platz bekommt. Sie greifen gesellschaftliche Tabus an, schlagen, prügeln und bringen so die innersten Abgründe der Menschen zum Vorschein. Eine unheimliche und schöne Utopie. Käme es nicht zu diesem brutalen Zwischenfall in Garten Eden, als Matthias sich plötzlich einmischt. Sina Ahlers, Autorin des Erfolgsstücks Milch & Schuld (UA), erhielt für Schamparadies den Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020. In diesem Text, der nun am Staatstheater Kassel zur Uraufführung kommt, mischt Sina Ahlers knallhart Realismus und Expressionismus, Bildhaftes mit ihrer eigenen Direktheit. Mal entlarvend humoristisch, mal schmerzhaft radikal, befragt sie Status und Körper. In einer ganz eigenen Formsprache legt sie den schmalen Grat zwischen Intimität und sexuellem Missbrauch offen und blickt so der Scham und ihren Ursprüngen ganz schamlos ins Gesicht In der Regie von Olivia Müller-Elmau, Regisseurin auf der Suche nach den widersprüchlichen zwischenmenschlichen Beziehungen und Gefühlen, werden Trauma und Scham, die, teils über Generationen hinweg, fest in den Körpern sitzen und dort wuchern, sinnlich erfahrbar. In Kooperation mit Mädchenhaus Kassel 1992 e.V. Regie: Olivia Müller-Elmau Bühne und Kostüme: Julius Böhm Sounddesign: Jens Kilz Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke Dramaturgie: Laura Kohlmaier Soufflage: Camilla Colonna
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Great Balls of Fire! - Die Jerry Lee Lewis Story

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Die lodernden Geschichten von Sünde und Erlösung kommen aus Radio und Bibel: sie schlagen Funken in gebietender Predigt und lockendem Pop. Ein verlorener Sohn, Jerry Lee Lewis, stürmt aus der tiefsten Provinz ins nationale Rampenlicht, heiratet heimlich seine 13-jährige Cousine, die nur eine seiner insgesamt sieben Frauen sein wird, und wird verdammt. Jahre später beobachtet ein Nachtwächter von Graceland – dem Anwesen von Elvis Presley –, wie sich ein 76er Lincoln Continental schnarrend durch den Kies der Zufahrt gräbt und nach einer letzten Beschleunigung das Tor rammt. Der Fahrer ruft mit einer Stimme ebenso schallenden Chroms: „I want to see Elvis! Just tell him, the killer’s here.“ Justin Hibbeler spielt, singt und erzählt die Story von Jerry Lee Lewis, die auch die Geschichte des Rock ’n’ Roll selbst ist und davon, wie Lewis Schwarze und weiße Musik zusammengebracht hat. Entlang der hämmernden und schmachtenden Songs geht dieser Abend auf eine Reise durch trübe Swimmingpools, schwitzige Tanzsäle und die britische Klatschpresse. Das Ende ist nah, die Hölle heiß. Great Balls of Fire! – Die Jerry Lee Lewis Story, von unserem neuen Ensemblemitglied Justin Hibbeler, ist eine Übernahme des Landestheater Tübingen. Dort hatte es 2023 Premiere. Wir haben die Produktion nun nach Kassel geholt, wo sie wechselnd im Theaterstübchen und im TiF zu sehen sein wird. Regie: Justin Hibbeler Mitarbeit Regie: Olivia Müller-Elmau Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer Dramaturgie: Carlotta Huys Dramaturgie Wiederaufnahme: Laura Ellersdorfer
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Welcome to the BATES MOTEL

Staatstheater Kassel - Schauspielhaus / TiF

Kassel, 2006: Mit nur 41 Jahren verstirbt Markus Zimmer an Multiorganversagen. Freund:innen und Familie konnten ihn nicht vor seiner Sucht retten. Ein genialer Musiker, ein sensibler Mensch, bekannt für seinen Geschlechterklischees unterwandernden Stil, sein ausschweifendes Leben und seine Musik. „Feels like I’m in heaven, oh I feel so fine. If you were only here my friend, you would have a real cool time.“ Markus Zimmer, genannt Zimbl, war der charismatische Frontmann der Punkband The Bates, die mit ihren eingängigen Melodien sowie rotzigen Coverversionen bekannter Poptitel die deutsche Musikszene der Neunziger Jahre und der Jahrtausendwende prägten - weit über Nordhessen hinaus. „You forgot to kick some asses, you forgot to kick some asses…“ In einem Motel zwischen Eschwege und Phoenix: Seltsame Gäste weht es in einer Gewitternacht in das Bates Motel: einen Schlagzeuger, lädiert durch einen Autounfall, einen Priester mit einem geheimnisvollen Koffer, eine mysteriöse Geschäftsfrau auf der Flucht. Was wollen sie von dem schüchternen Rezeptionisten? Und wer ist die seltsame Frau mit dem Messer…? Alfred Hitchcocks Film Psycho war die Inspiration für den Namen der Band, die der junge Zimbl und seine Freunde Klube, Armin und Pogo - zu denen später noch Reb und Dully stießen – gründeten. 20 Jahre nach Zimbls Tod inszeniert und schreibt Regisseur Dominique Schnizer einen Theaterabend über Zimbl, mit Erinnerungen seiner Freund:innen und Wegbegleiter:innen und der unsterblichen Musik der Bates. Und auch der fiktive Namensgeber der Band hat einen Auftritt. Verbunden in ihrer Einsamkeit begegnen Norman Bates und Zimbl ihren inneren Dämonen. In einem Motel irgendwo zwischen Eschwege, Hessen und Phoenix, Arizona durchleben sie noch einmal die entscheidenden Momente ihrer eigenen komplizierten Geschichte. „Feels like I’m in heaven“ In Kooperation mit Scheibenbeisser – Hessens großer und unabhängiger Schallplatten- und CD-Laden. Musikalische Stückentwicklung von Dominique Schnizer Regie, Buch, Videos: Dominique Schnizer Bühne und Kostüme: Christin Treunert Musikalische Leitung und Score: Augustin Zimmer Licht: Stefanie Franke Projektidee: Patricia Nickel-Dönicke Dramaturgie: Sara Dec

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